
Dr. Heinz-Christian Kuche
Head Coach Balance & Vitality

Neuroplastizität, auch bekannt als Gehirnplastizität bezieht sich auf die Fähigkeit des Gehirns, sich im Laufe des Lebens durch Erfahrungen und Veränderungen in der Umgebung umzustrukturieren und neu zu organisieren. Es ist eine fundamentale Eigenschaft des Gehirns, die es uns ermöglicht, neue Dinge zu lernen, uns an neue Situationen anzupassen und Verletzungen zu überwinden.
Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis, dass sich das Gehirn nach einem bestimmten Alter nicht mehr entwickelt und verändern wird. Im Gegenteil, die Neuroplastizität bleibt das ganze Leben lang erhalten.
Tatsächlich haben Untersuchungen gezeigt, dass das Gehirn in der Lage ist, immer neue Neuronen zu generieren und neuronale Verbindungen im Laufe von Lernprozessen und Erfahrungen umzustrukturieren. Das bedeutet, dass es möglich ist, die Gehirnfunktion und das allgemeine Wohlbefinden durch bewusste und zielgerichtete Anstrengung und die richtigen Aktivitäten zu verändern – und das grundsätzlich zu jedem Zeitpunkt des Lebens.
Die Geschwindigkeit der Anpassung ist individuell unterschiedlich und verändert sich auch im Laufe des Lebens.
Aber was genau ist Neuroplastizität und wie kann es unsere Gehirnfunktion und unser Leben verbessern? In diesem Artikel werfen wir einen genaueren Blick auf die Neuroplastizität und ihre Auswirkungen auf unsere geistige und emotionale Gesundheit.
Unser Gehirn besteht aus etwa 100 Milliarden Neuronen, die miteinander durch Synapsen verbunden sind. Diese Neuronen und Synapsen bilden ein komplexes Netzwerk, das für unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen verantwortlich ist. Neuroplastizität bezieht sich auf die Fähigkeit des Gehirns, dieses Netzwerk im Laufe unseres Lebens zu verändern und anzupassen.
Eine der bekanntesten Formen der Neuroplastizität ist die Lernplastizität, die es uns ermöglicht, neue Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben. Wenn wir etwas Neues lernen, bilden sich neue neuronale Verbindungen und die bestehenden Verbindungen werden verstärkt. Dieser Prozess der Anpassung und Umstrukturierung des Gehirns ist entscheidend für unsere Fähigkeit, neue Dinge zu lernen, und uns an neue Situationen anzupassen.
Beispielhaft möchte ich eine Studie der Universität Heidelberg (P. Schneider, D. Engelmann & A. Seither-Preisler et al.) zitieren, die sich mit der Audio- und Neuroplastizität des musikalischen Lernens, also mit Reifeprozessen elementarer und komplexer Hörleistungen und auditiver Aufmerksamkeit bei Kindern beschäftigt hat.
Die Kinder waren entweder unauffällig (Kontrollgruppe) oder zeigten Entwicklungs- und Lernauffälligkeiten (Lese-Rechtschreibschwäche, ADHS oder ADS) und musizierten entweder wenig / nicht (‚Nichtmusiker‘) oder viel (‚Musiker‘). Sowohl unauffällige als auch auffällige musizierende Kinder ließen auf Ebene des Gehirns und Verhaltens eine signifikant schnellere Entwicklung auditorischer Funktionen erkennen als nicht musizierende Kinder. Bei Kindern mit Legasthenie, ADHS oder ADS normalisierten sich im Zeitverlauf durch das Musizieren anormale Hemisphären-Asymmetrien in der auditorischen Verarbeitung.
Es zeigt sich also, dass Lernprozesse – in diesem Beispiel das Erlernen eines Musikinstrumentes – die Hirnstruktur verändern und - was vor allem interessant ist – normalisieren kann. Dies auch – oder vielleicht insbesondere – bei vorher auffälligen Verhaltensmustern.
Aber Neuroplastizität ist nicht nur auf das Lernen beschränkt. Sie spielt auch eine wichtige Rolle bei der Anpassung an Veränderungen in unserem Leben und bei der Heilung von Verletzungen. Wenn wir zum Beispiel eine Verletzung des Gehirns oder generell im Körper erleiden, kann das Gehirn neue neuronale Verbindungen bilden, um die Funktionen des beschädigten Gebiets wiederherzustellen. Auch bei psychischen Störungen wie Depressionen und Angststörungen kann Neuroplastizität eine wichtige Rolle bei der Behandlung und Genesung spielen.
Die Neuroplastizität bietet uns die Möglichkeit, unsere Hirnleistung und damit unser Leben zu verbessern. Indem wir uns bewusst für Aktivitäten entscheiden, die die Gehirnplastizität fördern, können wir unsere kognitive Funktion verbessern, unsere Emotionen regulieren und unser Wohlbefinden steigern.
Hier sind einige Punkte wie du die Neuroplastizität positiv beeinflussen kannst, um dein Leben zu verbessern:
Die Probanden der ersten Studie zeichneten sich durch langjährige Meditationserfahrung aus. Doch unterscheidet sich das Gehirn von jemandem, der gerade erst mit solchen Techniken begonnen hat, auch von Menschen ohne jegliche Meditationspraxis?
Eine weitere Studie kann dies wie folgt beantworten: Bereits nach nur 8 wöchiger Ausübung von Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) waren Dichtezunahmen der grauen Substanz gegenüber Kontrollpersonen nachweisbar, bspw. im Hippocampus, der für Lernen, Gedächtnis und emotionale Regulation wichtig ist, aber auch im Bereich der Pons. Der Pons bildet eine wichtige Umschaltstelle zwischen Kleinhirn und motorischer Cortex. Daneben erfüllt er zahlreiche vegetative Aufgaben wie die Steuerung von Atmung und Herztätigkeit. Alle Teilnehmer dieser Studie durchliefen einen vom Center for Mindfulness an der Universität für Medizin Massachusetts entwickelten MBSR Kurs. Diese MBSR kombiniert Achtsamkeitsmeditationen, Körperwahrnehmung, Yoga und Exploration von Mustern des Denkens, Verhaltens, Empfindens und Handelns.
Bemerkenswert an dieser Arbeit war die bereits von anderen Untersuchern beschriebene Beobachtung, dass die Meditationsanfänger eine Schrumpfung ihrer Amygdala verzeichneten, was mit sinkenden Stressleveln der entsprechenden Teilnehmer korrelierte. Kein Wunder, denn die Amygdala ist eine Hirnregion, die mit Angst und Aggression zu tun hat.
Es ist aber auch wichtig zu wissen, dass die Neuroplastizität durch schädliche Faktoren wie Stress, schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung beeinträchtigt werden kann.
Um die Neuroplastizität also zu erhalten und das volle Potential unseres Gehirns auszuschöpfen, ist es wichtig, einen gesunden Lebensstil zu führen und auf unsere geistige und emotionale Gesundheit zu achten.
Neuroplastizität ermöglicht es uns, unser Gehirn und damit unser Leben durch die bewusste und zielgerichtete Anstrengung und die richtigen Aktivitäten zu verbessern. Indem wir regelmäßig Sport treiben, neue Fähigkeiten erlernen, Achtsamkeit üben, ausreichend schlafen und eine gesunde Ernährung pflegen, können wir die Neuroplastizität nutzen, um unsere kognitive Funktion und unser allgemeines Wohlbefinden zu verbessern.
Die gute Nachricht ist also: Wir haben es zu einem großen Teil selbst in Hand, ob unser Leben nicht einfach nur lange währt, sondern auch lange genossen werden kann.
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